„Du trägst deinen Migranten-Status wie eine Monstranz vor dir her“


Diesen Satz hat Tomás Santillán in den letzten Monaten oft gehört. In Kommentaren. In Mails. Nach Ratssitzungen in Bergisch Gladbach. Mal als Vorwurf, mal als gut gemeinter Ratschlag: „Du musst doch nicht immer der Migrant sein.“

In seinem neuen Blog antwortet er darauf – und zwar ein für alle Mal.

Der Autor, der seit Jahren als Teil der Internationalen Liste und der LINKEN in Bergisch Gladbach Politik macht, beschreibt, woher dieser Vorwurf kommt und warum er so bequem ist:

Denn ja, Santillán spricht über seine Migrationsgeschichte. Über Argentinien, über Ankommen, über das Gefühl, immer erklären zu müssen, wo man „wirklich“ herkommt. Er spricht über Dolmetsch-Kürzungen, weil er weiß, wie es ist, nichts zu verstehen. Er spricht über Generalverdacht, weil er ihn selbst erlebt hat.

Und genau das wird ihm vorgeworfen. Als würde er seinen Status „vor sich hertragen“.

Santillán dreht den Spieß um und zeigt drei Dinge:

1. Wer trägt hier eigentlich was vor sich her? Nicht die Migrant:innen tragen ihren Status wie eine Monstranz vor sich her – die Mehrheitsgesellschaft tut es. Bei jeder Wohnungsbewerbung, bei jedem Jobcenter-Termin, bei jeder Polizeikontrolle wird der Status abgefragt, markiert, bewertet. Nicht von uns. Von den Behörden, von den Formularen, vom System. Wir tragen ihn nicht. Er wird uns umgehängt.

2. Warum Sichtbarkeit kein Narzissmus ist: Für Santillán ist das Sprechen über die eigene Geschichte keine Selbstinszenierung, sondern politische Notwendigkeit. Solange im Kreistag des Rheinisch-Bergischen Kreises fast nur Menschen ohne Migrationsgeschichte entscheiden, wer dazugehört, ist es notwendig, zu sagen: Ich bin hier. Ich spreche aus dieser Erfahrung. Das ist keine Monstranz. Das ist Repräsentation.

3. Die eigentliche Angst dahinter: Der Vorwurf kommt fast immer dann, wenn es unbequem wird. Wenn es um Kürzungen bei der Integration geht, um rassistische Polizeikontrollen, um Bezahlkarten. Dann heißt es schnell: „Du mit deinem Migranten-Thema wieder.“ Santillán nennt das, was es ist: Der Versuch, Kritik zum Schweigen zu bringen, indem man den Kritiker zum Problem erklärt.

Sein Fazit ist klar und sehr persönlich: Ja, ich trage meine Geschichte mit mir. Wie jeder Mensch seine Geschichte mit sich trägt. Ich bin Argentinier. Ich bin Bergisch Gladbacher. Ich bin deutsche Kartoffel und Migrant. Ich werde nicht aufhören, aus dieser Perspektive Politik zu machen. Denn wer verlangt, dass ich meinen Status ablege, verlangt, dass ich einen Teil von mir ablege.

Ein Text über Identität, über Zumutung und über die Freiheit, ganz zu sein.

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